Rezepte gegen die Einsamkeit
Man fragt mich oft, woran die Menschen heutzutage am meisten leiden. Die Überraschung ist groß, wenn ich darauf mit einem einzigen Wort antworte: Vereinsamung.
Aus der Vereinsamung erwachsen zahlreiche andere seelische Nöte. Nach einem hervorragenden Schweizer Nervenarzt,ist sie die verheerendste unserer Zeitkrankheiten. Ein anderer angesehener Arzt hat mir erklärt, sie sei das verbreitetste und bedenklichste menschliche Leiden.
Die Wirkungen dieses Übels reichen tief in viele unserer drückendsten Probleme hinein. Bei einer Umfrage unter Nervenkranken gaben 80 Prozent an, der Hauptgrund, dass sie Hilfe suchten, sei ihre Einsamkeit. Nach tiefenpsychologischen Studien an Menschen, die einen Selbstmordversuch gemacht hatten, hatte die meisten das Gefühl der Einsamkeit zu dem Verzweiflungsschritt getrieben. Bei einer Unterhaltung mit ehemaligen Trinkern hörte ich wieder und wieder, anfangs hätten sie zum Alkohol gegriffen, um ihre Einsamkeit zu vergessen, und schließlich sei die Flucht in den Alkohol zur Gewohnheit geworden.
Vereinsamung hängt nicht vom Alter, vom Milieu oder von den Lebensumständen ab. Es gibt schon Vereinsamung bei Kindern, denen sich die Eltern nicht genug widmen. Es gibt die heute weiter denn je verbreitete Vereinsamung der Jugendlichen, die sich unverstanden und den Eltern entfremdet fühlen. Es gibt die Vereinsamung in der Ehe, wo sich die Partner in der intimsten Form des Zusammenlebens auseinander gelebt haben. Und es gibt — wohl der traurigste Fall — die Einsamkeit der Alten, die sich unnütz und unerwünscht vorkommen.
Ob alt oder jung, reich oder arm — zuzeiten fühlt sich jeder einmal einsam, oft ohne erkennbare Ursache. „Es passiert einem nicht nur an trüben Tagen", sagt ein Romanschriftsteller. „Es schneidet einem urplötzlich an einem strahlenden Frühlingsmorgen oder einem goldenen Sommernachmittag in die Seele, ganz gleich, wo man sich befindet und was man gerade tut."
Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, dass es das A und 0 einer Lebenskunst ist, mit dein Problem der Einsamkeit fertig zu werden.
Sich in den Trubel zu stürzen nützt gar nichts; das entdeckt man sehr rasch. Wir fliehen "krampfhaft das Alleinsein, treten Vereinen bei, laufen zu Sportveranstaltungen, eilen von der Cocktailparty ins Nachtlokal, hasten in Theatervorstellungen, Konzerte und Ausstellungen, suchen das Gewimmel der Strassen und Autobahnen — alles umsonst, wir bleiben einsam.
Gibt es keine Möglichkeiten, dieser inneren Leere zu entkommen? Ich wüsste drei zu nennen:
1. Erkenne die Natur der Vereinsamung! Erkenne, dass sie eine Feindin ist, eine Krankheit, die alles Glückvernichtet, dich allem entfremdet, was das Leben lebenswert macht, und dich seelisch auf den Hund bringt. Mit einem Versuch, sie zur Freundin hochzuspielen oder gar als Kreuz anzusehen, das man auf sich nehmen müsse, kannst du dir gründlich den Seelenfrieden zerstören. Ist es nicht so, dass Einsamkeit am tiefsten schmerzt, wenn wir uns schwelgerisch unserer Trübsal hingeben?
Ein Amtsbruder hat mir kürzlich von seinem Vorhaben erzählt, Frauen zu Näharbeiten für Körperbehinderte zu gewinnen. Er glaubte sie am ehesten in einem Sanatorium zu finden, bei Frauen, die ohnehin nichts zu tun und gewiss ein Herz für ihre Mitmenschen hatten. Nicht eine einzige aber fand sich bereit. Von einer bekam er die Antwort: „Wir haben selber unsere Sorgen." Und dieser Standpunkt, so erkannte er, war es, der die Frauen sanatoriumsreif gemacht hatte. Die einseitige Beschäftigung mit dem lieben Ich hatte sie seelisch vergiftet.
2. Unterscheide zwischen Einsamkeit und Alleinsein! Es ist bei weitem nicht ein und dasselbe. Gewiss kann Alleinsein zur Vereinsamung führen. Es ist oft genug so, muss aber nicht sein. Einige der strahlendsten und produktivsten Menschen meiner Bekanntschaft sind gezwungenermaßen einen großen Teil ihrer Zeit allein, doch wissen sie das schöpferisch zu nutzen. Wir brauchen sogar Zeiten des Alleinseins, wir beziehen daraus körperlich und seelisch die Kraft für bewegtere Tage. Das meint der Psalmist, wenn er sagt: „Er führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele."
Jeder hat einmal den Tod eines geliebten Menschen zu beklagen. Bei ihm selbst liegt es dann, ob die Zeit die Wunde heilt oder ob sein Schmerz in lähmende Vereinsamung führt. Von zwei Witwen jammerte die eine: „Das Alleinsein färbt auf das ganze Dasein ab." Worauf die andere erwiderte: „Ja, aber wie gut, dass wir die Farbe wählen können."
Eine, die in diesem Sinn die Farbe selbst gewählt hat, eine tapfere Frau, hat mir kürzlich geschrieben. Sie lebt allein und ist durch Arthritis gelähmt, unterhält aber einen regen Briefwechsel mit Menschen, die Trost und Zuspruch brauchen. Wie wunderbar das auf sie zurückwirkt, zeigte mir folgender Satz: „Ich bin viele Tage allein, habe mich aber noch nie einsam gefühlt." Und das führt uns zu dem dritten Weg.
3. Widme dich dem Dienst am Nächsten! Bei Naturkatastrophen, einem Orkan, einem Schneesturm, einer Überschwemmung, hilft einer dem andern, ohne nach Religion, gesellschaftlichem Stand und Hautfarbe zu fragen. Viele Menschen unserer Bekanntschaft aber sind Opfer innerer Katastrophen, die .sich oft verheerender auswirken als Naturkatastrophen.
Eine Frau beklagte sich in einem Brief an mich, dass ihr Leben, seitdem ihre Kinder erwachsen und weggezogen seien, fade und eintönig geworden sei. Ich antwortete ihr: „Früher haben Sie all Ihre Zeit und Kraft Ihren Kindern gewidmet. Könnten Sie Ihre Mutterliebe heute nicht anderen zuwenden? In Ihrer Nachbarschaft gibt es gewiss Kinder, die eine verständnisvolle Seele brauchen, alte Menschen, die sich nach ein wenig Umgang sehnen, Blinde, die sich nicht einmal am Fernsehen erfreuen können, das Sie so öde finden. Gehen Sie zu solchen Menschen und suchen Sie Freude und Befriedigung darin, ihnen zu helfen!" Einige Wochen darauf schrieb sie mir: „Ich habe Ihr Rezept versucht. Es bewährt sich großartig. Es ist, als käme man aus der Nacht in den Tag!"
Diese einsame Frau hat — wie schon tausend andere — die Wahrheit der Zeilen erfahren, die ein Dichter einmal geschrieben hat: „Welches Herz könnt' einsam sein, wenn es andern selbstvergessen ihren leeren Becher füllt." Wir alle haben „leere Becher" um uns. Versuche sie zu füllen, und du wirst dich nicht mehr einsam fühlen.